Erfolg ohne Erschöpfung - Warum mentale Gesundheit kein Tabuthema sein darf

28.09.2025

 

Wer im Job viel leistet, dem wird auch viel abverlangt – fachlich, zeitlich und emotional. Hinter der Fassade aus Effizienz und Expertise verbirgt sich nicht selten ein hoher Preis: psychische Belastung, Erschöpfung, sogar Angstzustände und Burnout. Die Zahl der Menschen, die damit im Laufe ihres Berufslebens zu kämpfen haben, steigt, dennoch bleibt mentale Gesundheit ein sensibles, oft tabuisiertes Thema im Arbeitsumfeld. 

Nora Dietrich, psychologische Psychotherapeutin, Autorin von »Mental Health at Work« und Gründerin der Agentur »Between People« unterstützt Organisationen dabei, mentale Gesundheit auf die Agenda zu setzen. Wir haben mit ihr über die Diskrepanz zwischen Leitbildern und gelebtem Alltag, über strukturelle Ursachen psychischer Belastung und über konkrete Ansätze gesprochen, wie Arbeit, insbesondere in Kanzleien, gesünder und zukunftsfähiger gestaltet werden kann.

Sie arbeiten mit Teams aus den verschiedensten Branchen. Haben Sie auch Erfahrungen speziell im juristischen Umfeld gemacht, was das Thema mentale Gesundheit angeht?

Nora Dietrich: Ja, und in vielen Kanzleien ist mentale Gesundheit längst angekommen – zumindest theoretisch. Es gibt Check-ins, Resilienz-Trainings und Awareness-Kampagnen. Aber, wie in jeder Branche, bleibt auch hier der Alltag oft ein Ort der Zurückhaltung. Was in Leitbildern formuliert ist, verpufft in der Meetingkultur, und Verletzlichkeit bleibt eine leere Einladung und damit Tabu zugleich. Gerade High Performer wie Anwältinnen und Anwälte haben Hemmungen zuzugeben, wenn sie überlastet sind. In gewissen Arbeitsumfeldern herrscht der Eindruck, dass Ehrlichkeit nicht nur mutig, sondern gefährlich ist.

Sie sehen hier also Handlungsbedarf?

Nora Dietrich: Eine wachsende Zahl der Berufstätigen leidet an Angstzuständen, depressiven Episoden, Burnout. Laut aktuellen Studien betrifft dies leider gerade Juristinnen und Juristen deutlich häufiger als den Durchschnitt der Bevölkerung.

Woran könnte das Ihrer Meinung nach liegen?

Nora Dietrich: Auch wenn die jüngere Generation mit dem Konzept einer Work-Life-Balance aufgewachsen ist, hält sich in vielen Branchen hartnäckig ein gewisses Selbstbild. In der Rechtsbranche streben viele weiterhin nach einem Ideal: Perfekt. Souverän. Unermüdlich. Unantastbar. Grundsätzlich gilt, dass beruflich ambitionierte Menschen das Gefühl haben, wer sich verletzlich zeigt, ist angreifbar.

Warum gehen so viele Berufstätige so lange über ihre Grenzen?

Nora Dietrich: Die Gründe sind oft tief persönlich und zugleich systemisch verankert. In Bezug auf die Rechtsbranche sehe ich da folgende Punkte:

  • Perfektion als Berufsethos. Fehler sind nicht vorgesehen. Schon im Studium gilt: Nur wer alles weiß, ist sicher.
  • Hohe Verantwortung. Es geht nicht nur um Akten – sondern um Leben, Freiheit, Existenz. Die Angst zu versagen, hat hier echte Konsequenzen.
  • Billable Hours. Jede Minute zählt. Jede Pause kostet. Zeit ist Geld, und Müdigkeit wird mit Schwäche verwechselt.
  • Einzelleistung statt Teamgeist. Mandate werden gewonnen, nicht geteilt. Konkurrenzdenken beherrscht die Branche.

Haben Sie Tipps, wie sich in stressgeplagten Arbeitsumfeldern mentale Gesundheit fördern lässt?

Nora Dietrich: Da fallen mir spontan drei Dinge ein:

1. Frühwarnzeichen erkennen ist Teamarbeit
Burnout beginnt nicht mit dem Zusammenbruch, sondern mit Gereiztheit, Zynismus, Schlaflosigkeit. Der Freude, die verschwindet. Der Erschöpfung, die bleibt. Wer diese Warnsignale kennt – bei sich selbst und bei anderen – kann früher gegensteuern. Und wer anderen ein offenes Ohr bietet, schafft Nähe, wo sonst Rückzug entsteht.

2. Grenzen setzen ist ein Beziehungsangebot
Was viele verwechseln: Grenzen zu setzen bedeutet nicht »Ich bin raus«. Sondern: »Ich bin da, aber nicht um jeden Preis.« Und machen Sie sich bewusst: Menschen, die im Job klare Grenzen kommunizieren, sind nicht schwierig, sondern verlässlich. Vielen fällt es schwer, vor sich selbst ein Nein zu rechtfertigen. Sie sagen deshalb erstmal grundsätzlich Ja. Drehen Sie den Spieß um. Innerlich ist alles erstmal ein Nein, und begründen Sie dann für sich, warum Sie es trotzdem machen. Die Frage ist dann nicht mehr: Wie viele Bälle kann ich gleichzeitig jonglieren? Sondern: Welche darf ich auch mal bewusst fallen lassen? Denn gute Arbeit braucht Energie. Und Energie braucht Grenzen.

3. Mentale Gesundheit ist kein DIY-Projekt
»Wenn jeder für sich sorgt, ist für alle gesorgt«, hieß es lange. Doch Gesundheit findet nicht im Vakuum statt, sondern zwischen uns. Freitagabend noch zu schreiben: »Ich brauche das bis Montagfrüh um acht«, ist keine Effizienz. Es ist eine Einladung zur Erschöpfung. Gesundheit beginnt stattdessen mit kleinen Entscheidungen: Mit der einen E-Mail, die ich abends nicht mehr schicke. Mit dem ehrlichen »Wie geht’s Dir – wirklich?« im Team. Mit dem Schulterblick in einem komplexen Fall. Gesunde Teams brauchen Rituale für echten Austausch. Führung braucht Kompetenz im Umgang mit Überlastung, und Organisationen brauchen Standards für Erreichbarkeit, Erwartungsmanagement und Erholung.

Was würden Sie unserer Leserschaft gerne mitgeben?

Nora Dietrich: Eine Kanzlei, wie so viele Arbeitsumfelder, wird nie ein Ort ohne Stress sein. Aber wenn wir mentale Gesundheit am Arbeitsplatz fördern, kann dieser in Zukunft ein Ort sein, an dem das Eingeständnis von Erschöpfung nicht als Schwäche gilt, sondern als das gesehen wird, was es ist: ein Zeichen von Verantwortung.

 

Dietrich
Mental Health at Work
2025. 300 Seiten.
Softcover € 24,90
ISBN 978-3-8006-7557-9

Dieser Beitrag erschien zuerst in unserem Kundenmagazin beck-aktuell. Sie können das Magazin hier kostenlos abonnieren.

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