Sightseeing für Rechtskenner: Deutschlands juristische Sehenswürdigkeiten

18.12.2025

Spuren des Rechts lassen sich an den überraschendsten Orten finden, wie André Niedostadek in seinem Buch »Recht sehenswert! 77 einzigartige Orte des Rechts in Deutschland entdecken« zeigt. Die beck-aktuell-Redaktion hat ihre eigenen Highlights unter diesen herausgesucht und teilt sie natürlich gerne mit Ihnen. Wer weiß, vielleicht machen Sie auf Ihrer nächsten Reise einen kleinen Abstecher zum Landgericht in Halle an der Saale oder planen demnächst sogar einen Wochenendtrip nach Schleswig-Holstein, um sich selbst von der mystischen Atmosphäre des Thingplatzes in Gulde einnehmen zu lassen.

Sachsen-Anhalt

Selbst einschlägige Tourismus-Plattformen empfehlen das Landgericht als ein Top-Sightseeing-Ziel in Halle (Saale). Zwischen 1901 und 1905 erbaut, zählt es definitiv zu den schönsten Gerichtsgebäuden Deutschlands. Seit der 2013 erfolgten Renovierung erstrahlt die wilhelminische Fassade wieder in lebendigen Farben und das Eingangsportal prunkt mit goldenen Verzierungen. Innen geht es genauso spektakulär weiter: In einer kreisrunden Kuppelhalle von 20 Metern Durchmesser und 42 Metern Höhe folgt der Blick unweigerlich der doppelten Wendeltreppe hinauf in dieses schwindelerregende architektonische Prachtstück. Jeden ersten Samstag im Monat besteht die Möglichkeit zu einer Gerichts-Tour.

Landgericht Halle, Hansering 13, 06108 Halle

Bayern

Am 22. Februar 1943 wurden die Mitglieder der »Weißen Rose« Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst im Schwurgerichtssaal des Justizpalasts München vom Volksgerichtshof in einer einzigen Sitzung zum Tode verurteilt und noch am selben Tag durch das Fallbeil hingerichtet. Am 19. April 1943 ergingen Urteile gegen weitere Mitglieder des Widerstandskreises, dieses Mal im Sitzungssaal 253, der heute »Weiße Rose-Saal« genannt wird. Er ist als authentischer Sitzungssaal das Zentrum der Dauerausstellung »Willkür im Namen des Deutschen Volkes. Zertrümmerung des Rechtsstaats im Nationalsozialismus«, für die eigens ein Gebäudeabschnitt des Justizpalastes hergerichtet wurde. Die Ausstellung rekonstruiert und dokumentiert den Aufstieg der Diktatur sowie die Rolle des Volksgerichtshofs, ist aber auch dem Aufbau von Demokratie und Rechtsstaat nach 1945 gewidmet.

Justizpalast München, Prielmayerstraße 7, 80335 München

Berlin

Wir schreiben das Jahr 1750 vor Christus. Der babylonische König Hammurabi hat genug von Willkür und Anarchie und beschließt, eine Sammlung von 282 Paragrafen als Fundament für Gerechtigkeit anfertigen zu lassen. Im Winter 1901/1902 stießen zwei Archäologen in der antiken Stadt Susa im heutigen Iran auf Bruchstücke einer über zwei Meter hohen Steinsäule, in die eine der ältesten bekannten Gesetzessammlungen der Menschheit eingraviert ist: der Kodex Hammurabi. Das über 3.700 Jahre alte Werk ist sehr strukturiert gegliedert: Ein Abschnitt behandelt öffentliche Themen, ein anderer widmet sich Aspekten, die wir heute dem Privatrecht zuordnen, wie etwa Vermögens-, Familien- oder Erbrechtsfragen. Der Kodex schließt mit Fluchformeln und eindringlichen Ermahnungen. Eine detailgetreue Nachbildung (das Original ist in Paris im Louvre) gibt es auf der Museumsinsel in Berlin zu bestaunen.

Bode-Museum, Am Kupfergraben, 10178 Berlin

Baden-Württemberg

Einmal hin, alles drin – dieser altbekannte Werbeslogan passt nicht nur auf Supermärkte, sondern auch auf das Rechtshistorische Museum in Karlsruhe. Auf kleinem Raum wurde hier das Kunststück vollbracht, die gesamte Geschichte des Rechts in all ihrer Vielfalt erlebbar zu machen. Von den Babyloniern über die griechische Antike, vorbei an Ausgaben des Corpus Iuris Civilis aus dem 16. und 17. Jahrhundert, geht es bis in die jüngste deutsche Geschichte. Schritt für Schritt führen die Stationen durch die Rechtsentwicklung und öffnen den Blick für das große Ganze. Zentrale Exponate sind die besonders spannenden Gesetzeswerke des 18. und 19. Jahrhunderts, die eine neue Ära einläuteten: Das Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten (1794), der französische Code civil (1804) sowie das österreichische Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch (1811). Das Museum befindet sich auf dem Gelände des Bundesgerichtshofs und ist dienstags von 10 bis 12 Uhr geöffnet.

Rechtshistorisches Museum, Herrenstraße 45 a, 76133 Karlsruhe 

Schleswig-Holstein

Unter einem Ort des Rechts verstehen wir heute meist Gebäude. Dass dies jedoch nicht immer schon so war, lässt sich eindrucksvoll auf einem Hügel in Gulde bei Stoltebüll erleben. Abseits von prächtigen Justizpalästen kann man sich hier auf dem Thingplatz auf die Ursprünge des Rechts unter freiem Himmel besinnen. Wer den Versammlungsplatz mit wundervoller Aussicht entdecken will, folgt von einer Parkbucht an einer schmalen Straße einem von Bäumen gesäumten Pfad entlang eines Bachs. Meist findet man sich dann allein inmitten der kreisförmig angeordneten Findlinge auf dem Thingplatz wieder, fast mutet es wie ein Stonehenge im Miniformat an. Solche Orte dienten als Kultstätten, Versammlungsorte und auch als Orte des Rechts. Das Thing, die altgermanische Volks- und Gerichtsversammlung, war die zentrale Stätte, an der freie Männer zusammenkamen, um wichtige Angelegenheiten zu besprechen und Recht zu sprechen. Der ursprüngliche Thingplatz von Gulde lag etwas entfernt, die Rekonstruktion am heutigen Standort wurde 2004 eingeweiht. Dies schmälert aber keineswegs das Erlebnis, den Platz umgibt noch immer die ergreifende Aura einer längst vergangenen Rechtstradition.

Thingplatz Gulde, Kirchenweg, 24409 Stoltebüll

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Niedostadek, Recht sehenswert!                                                                                                           

2025, 169 S. mit 77 Farbfotos.

C.H.BECK. ISBN 978-3-406-83277-2

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